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Gespräch mit dem ersten Vorstand des
Sebst-Hilfe-Verbandes für neurologisch Erkrankte und Unfallopfer e.V.
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| Am 27.05.1999 wurde der Bundesverband SHV Selbst-Hilfe-Verband
für neurologisch Erkrankte und Unfallopfer e.V. in Stuttgart gegründet.
Ziel des Verbandes ist es dem Einzelnen durch konkrete Hilfestellungen in
den mannigfachen Fragen bei der Bewältigung einer Schädel-Hirn-Verletzung
oder eines Schlaganfalls beizustehen, Betroffene und Angehörige zu ermutigen
sich zusammenzuschließen und bestehende Vereine aber auch einzelne rechtlich
nicht selbständige Regionalgruppen bundesweit zu organisieren. Denn "Gemeinsam
sind wir stärker" und können die wichtige Arbeit vor Ort noch intensiver
gestalten. |
| Karin Scheck: |
Herr Siegel, wenn ich es richtig verstanden habe, so ist der
SHV auf Ihre Initiative hin entstanden. Warum haben Sie zusätzlich zu
der von Ihnen gegründeten Gabriele Siegel Stiftung noch einen Bundesverband
initiiert?
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| Karl-Eugen Siegel: |
| Eigentlich kann der Bundesverband SHV nicht als von
der Stiftung losgelöste Organisation betrachtet werden. Es ist nur die konsequente
Umsetzung der Stiftungsziele. Ein sehr wichtiges Ziel ist die "Hilfe zur
Selbsthilfe". Dieser Bereich, der mir besonders am Herzen liegt soll das
Herzstück der Stiftung werden, denn die Stiftung soll keinem Selbstzweck
dienen sondern Betroffenen helfen ihre Bedürfnisse und Wünsche umzusetzen.
Gleichzeitig suchten wir von den CERES Vereinen eine organisatorische Struktur,
die die Arbeit vor Ort in den Ortsvereinen entlastet um für die eigentliche
Vereinsarbeit wieder mehr Raum zu finden. Auch kamen im letzten Jahr immer
mehr Anfragen von Betroffenen und deren Angehörigen außerhalb von Baden-Württemberg
bei unserer Geschäftsstelle an, so daß auch hieraus eine Erweiterung unseres
Einzugsgebietes gefordert wurde. Um diesen mannigfachen Bedürfnissen sowohl
des Betroffenen und seiner Angehörigen als auch den eingetragenen Vereinen
aber auch Gesprächsguppen gerecht zu werden, wurde mit diesen Vorgaben am
27. Mai 1999 der Bundesverband für neurologisch Erkrankte und Unfallopfer
gegründet. |
| Karin Scheck: |
Warum haben Sie den Bundesverband nicht CERES Bundesverband
genannt, da es doch offensichtlich ein Impuls aus diesen CERES Vereinen
ist?
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| Karl-Eugen Siegel: |
| Wir haben es uns sehr lange überlegt, vor allem weil
CERES ja auch die erste Selbsthilfevereinigung war, die sich speziell um
die Belange der cerebral Geschädigten kümmerte. Diese Tradition werden wir
in den CERES Vereinen auch weiter pflegen. Wir wollten jedoch nicht durch
eine starre Vorgabe eines bereits existierenden Namens neu hinzukommende
oder bereits existierende Vereine, die dem Bundesverband beitreten wollen
einen Namen oder eine Namensänderung vorschreiben. Das Kürzel SHV, das ja
nicht nur die Aufgabenstellung, nämlich Selbst-Hilfe-Verband sondern auch
auf das uns betreffende Krankheitsbild, Schädel-Hirn-Verletzungen hinweist,
hielten wir schlußendlich für eine gute Lösung. Wir hoffen, daß dadurch
unsere Offenheit allen Gruppen die sich um die Belange neurologisch Erkrankter
annehmen erkennbar wird und auch unser aller Zielsetzung ausgedrückt ist.
Ich glaube, daß alle, die sich den Zielsetzungen verbunden fühlen und sich
dem Bundesverband anschließen wollen sich auch mit diesem Namen identifizieren
können. |
| Karin Scheck: |
Darf ich Sie, Herr Luther als ersten Vorsitzenden sowohl von
CERES Stuttgart und des Bundesverbandes hier vielleicht gleich fragen,
wer in Ihrem Verband Mitglied werden kann?
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| Roland Luther: |
| Auf Grund der von Herrn Siegel bereits angedeuteten
vielschichtigen Anfragen und dadurch natürlich auch verbundenen unterschiedlichen
Anforderungen haben wir im Bundesverband für alle die Möglichkeit geschaffen,
Mitglied werden zu können. Jeder Betroffene, Angehörige oder fachlich Interessierte
kann bei uns Einzelmitglied werden. Speziell für Familien haben wir eine
Familienmitgliedschaft, da wir bereits nächstes Jahr auch den Bereich der
(mit)betroffenen Familie in unser Programm aufnehmen wollen. Selbstverständlich
können alle Vereine Mitglied im Bundesverband werden, die ebenfalls die
Verbandsziele verfolgen. Ein ganz wichtiger Aspekt in unseren Überlegungen
war die Tatsache, daß etliche Betroffene und deren Angehörige sich zwar
regelmäßig treffen, aber keinen eigenständigen Verein gründen und vor allem
nicht verwalten wollen. Abhilfe schafft dabei die Mitgliedschaft im Bundesverband.
Dadurch können die Regionalgruppen ohne auf die Vorteile eines eingetragenen
Vereins (insbesondere Spendenbescheinigungen) verzichten zu müssen sich
ihrer eigentlichen Aufgabe widmen. Zuwendungen für die einzelnen Gruppen
werden als zweckgebundene Spenden vom Bundesverband treuhänderisch verwaltet. |
| Karin Scheck: |
Herr Luther, wie Sie mir vorab mitteilten, sind Sie auf Grund
einer betroffenen ehemaligen Kollegin zu CERES gekommen und bringen
daher keine direkten persönlichen Erfahrungen mit Hirnverletzten (HV)
ein. Dadurch haben Sie wohl auch eine etwas andere Sehensweise als ein
Betroffener oder Angehöriger, sehen aber dadurch offensichtlich mehr
über die Erkrankung selbst hinaus. Welchen Ansatz verfolgen Sie dabei?
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| Roland Luther: |
| Meine langjährige Tätigkeit im Schwäbischen Albverein,
zunächst als Hauptjugendwart und nunmehr Vorstandsmitglied und Hauptverantwortlicher
für die Familien, lenkten meine Aufmerksamkeit auch in den vier Jahren meiner
Tätigkeit im Vorstand von CERES Stuttgart vor allem auf die Aktivitäten,
die mehr Freude ins Leben sowohl der Betroffenen als auch der Angehörigen
bringen. Zunächst bekam ich bei meinen Vorschlägen viel Skepsis und zum
Teil auch Ablehnung zu spühren. So war beispielsweise meine Anregung eine
Faschingsveranstaltung durchzuführen zunächst auf herbe Kritik gestoßen.
Schicksalsverarbeitung und Heiterkeit oder gar Ausgelassenheit passen doch
nicht zusammen. Der Vorstand rang sich zu diesem Experiment durch und dieses
Jahr kamen die Beiträge zu Fasching bereits von betroffenen Mitgliedern.
Nachteil dieser Aktionen: Freude ins Leben bringen ist, daß ich wohl weiterhin
die Büttenrede halte muß. So konnten nun bereits mehrere größere Aktionen,
die durch den Landesverband koordiniert wurden in Baden-Württemberg mit
großem Zuspruch durchgeführt werden. Ich bin der Meinung, daß gerade die
HV und auch die mitbetroffenen Angehörigen durch mehr solcher "Freuden"
wieder ins normalisierte Leben eingebunden werden müssen. Es würde mich
freuen, wenn ich mit anderen Gruppen die ähnliche Erfahrungen sammeln konnten,
diese Erfahrungen für weitere und gemeinsame Aktionen austauschen könnte. |
| Karin Scheck: |
Frau Pramberger, was hat Sie als Angehörige eines seit 4 Jahren
im Wachkoma befindlichen Bruder bewogen, zusätzlich zu Ihrer Tätigkeit
als Mutter von zwei Kindern und der täglichen Mitbetreuung Ihres Bruders,
sich im Bundesverband einzubringen?
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| Ingrid Pramberger: |
| Zunächst war der persönliche Wunsch vorhanden, mehr
über die möglichen medizinisch-therapeutichen Diagnostiken und die Rehabilitationsmethoden
für meinen Bruder zu erfahren. Dabei sah ich in der aktiven Mitarbeit im
Vorstand diese Möglichkeit als am besten zu verwirklichen. Mittlerweile
habe ich unser NOT-Telefon übernommen und freue mich, daß ich nun auch praxisnahe
Antworten auf die vielfältigen Fragen geben kann. Doch nicht alle Fragen
können von mir beantwortet werden. Daher wird eine unserer vorrangigsten
Aufgaben die sein, das notwendige Wissen noch deutlich zu vergrößern und
vor allem auf eine breitere Basis zu stellen. Dies wird mit Hilfe der neuen
Medien umgesetzt werden. Seit geraumer Zeit hat Herr Kelkar ein Forum im
Internet geschaffen, das den direkten Austausch zwischen den Teilnehmern
ermöglicht. Diese Möglichkeit, Antworten auf spezifische Fragen der Betroffenen
zu erhalten, soll bis Ende des Jahres deutlich ausgebaut werden. Ergänzt
werden soll es durch eine sehr umfangreiche Literaturdatenbank, fachbezogene
Beiträge, Erfahrungsberichte und den für uns wichtigsten Links. Zum Stichwort
Information gehört selbstverständlich auch die aktuelle Berichterstattung
über die Entwicklungen, neue Methoden und Termine rund um den neurologisch
Erkrankten. Daher sind wir äußerst glücklich, daß wir die Fachzeitschrift
NOT für uns gewinnen konnten. Wir freuen uns darüber, daß wir dadurch nicht
nur einen kompetenten Partner und ein Sprachrohr für unseren Verband gefunden
haben, sondern gleichzeitig unseren Mitgliedern die Fachzeitschrift für
Schädel-Hirn-Verletzte und Schlaganfall-Patienten anbieten können. |
| Karin Scheck: |
Ich darf noch einmal zu Ihnen Herr Siegel zurückkommen. Sie haben
sich mit Ihrer Mannschaft sehr viel vorgenommen, wie wollen Sie diese
Aufgaben realisieren?
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| Karl-Eugen Siegel: |
| Unsere Vision ist ja, daß es möglich ist, HV als wichtige
und ernst zu nehmende Mitglieder unserer Gesellschaft zu integrieren. Dazu
sollen unsere Aktionen unter dem Motto: "Schönes mit Gutem verbinden" beitragen.
Nur wenn es uns gelingt die Vorzüge und auch das wertvolle Potential der
HV's als Message erfolgreich in die Gesellschaft zu tragen, werden wir eine
wirklich anhaltende Integration erreichen. |
| Karin Scheck: |
Zum Schluß möchte ich Ihnen noch eine heikle Frage stellen. Warum
sind im Vorstand des Bundesverbandes SHV zwar Angehörige vertreten aber
keine direkt Betroffenen?
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| Karl-Eugen Siegel: |
| Es gibt dafür nach unserer Meinung zwei Gründe. Der
pragmatischste ist der, daß wir derzeit keine Betroffene bzw. keinen Betroffenen
für die im Vorstand anstehenden Aufgaben gefunden haben. Der zweite Grund
ist der, daß wir ähnlich wie für die Regionalgruppen auch für den Einzelnen
den organisatorischen, meist lästigen Rahmen schaffen wollen, damit sich
das Potential des Einzelnen bzw. der Gruppe entfalten kann. Wenn die Neigungen
und Fähigkeiten eines Betroffenen in Richtung Vorstandsarbeit gehen, werden
wir dies nach Kräften fördern. Ein erster Schritt dahin könnte ein Forum
sein, das speziell Betroffenen die Möglichkeit gibt, Ideen und Ziele aus
diesem Kreis heraus zu entwickeln und schrittweise umzusetzen. Sie sehen,
konkrete Ideen und Vorstellungen, wie eine Vorstufe der Integration gestaltet
werden könnte, sind vorhanden. Daher sind wir überzeugt, daß es nicht nur
eine für alle Beteiligte lohnende sondern auch begeisternde Arbeit sein
wird. |
| Karin Scheck: |
Ich möchte mich bei Ihnen für die Interviews bedanken und Ihnen
allen wünschen, daß Sie vor allem viele Betroffene, aber auch deren
Angehörige, Fachleute und Interessierte für die bereits ins Auge gefaßten
Projekte begeistern können.
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